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Der "Schweinekrieg" von Siek

Die neue Umgehungsstraße von Siek

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Siek, meine Heimat

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Die Raute im Herzen

"Siek ist kein Bauerndorf mehr!"

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Die Liebe zum Fußball ist mir nicht in die Wiege gelegt worden. Als kleines Kind, geborener Sohn einer Bauernfamilie, waren mir andere Dinge wesentlich wichtiger, die Tiere, die Trecker, die Maschinen. Einen Kindergarten habe ich nie besucht, gab es damals einfach nicht. Und in der Grundschule mochte ich Fußball nicht so sehr, weil man soviel laufen musste. Ich bin von Geburt an etwas kräftigerer Figur gewesen, etwas hüftsteif, und die anderen Kinder waren flinker und wendiger als ich, haben mir oft den Ball weggenommen – blödes Spiel. Nein, ich mochte etwas Kämpferisches lieber. Prügeleien und Schlägereien lehnte ich ab, mir war mehr nach „Raufen“ zumute. Es ging, ähnlich wie Ringen oder Catchen, darum, den Gegner niederzuwerfen auf die Schultern und ihn beim Auszählen bis drei niederzuhalten. In der Schule waren die Gruppen immer dieselben, Klasse a gegen Klasse b. Was war ich stolz, als ich ein Großmaul aus einer höheren Klasse besiegte. Und was war ich niedergeschmettert, als mich einer aus der unteren Klasse besiegte, nun hatte er es einen von den „Großen“ gezeigt – was habe ich mich geschämt.

Meine Liebe zum Fußball entwickelte sich allmählich. Was heute alltäglich ist gab es früher einfach nicht, nämlich stundenlang vor dem Fernseher sitzen. So ein Apparat war damals ganz schön teuer, ein wahrer Luxus. Und wenn schon, dann hatten die Erwachsenen das Sagen was geguckt wird und was nicht. Die Fußball-Bundesliga war samstagabends in der Sportschau in Ausschnitten zu sehen, live übertragen wurden nur die Länderspiele. Die Deutschen waren damals sehr erfolgreich, Europameister 1972, und die Weltmeisterschaft 74 im eigenen Land stand vor der Tür. Wenn eine Mannschaft erfolgreich ist bringt das Zuschauen auch Spaß.

An ein Spiel kann ich mich noch erinnern, an das Abschiedsspiel für Uwe Seeler. Als kleiner Knirps habe ich ihn immer bewundert, wie gut er spielen konnte, wie sehr er sich immer für seine Mannschaft und seine Fans eingesetzt hatte, er wurde „Uns Uwe“ genannt, alle liebten ihn. In einem Bericht fuhr „Uns Uwe“ ein Auto mit einem OD-Kennzeichen, der Landkreis in dem ich wohnte, so ein untadeliger Sportsmann, Mannschaftsführer der Nationalelf, großartiger Spieler auch bei Weltmeisterschaften, „Uns Uwe“ war einer von „uns“ – ich war begeistert. Und dieser Spieler hörte nun auf? Warum? Damals hatte ich keine Ahnung vom Fußball. Einmal, es muss Mitte der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts gewesen sein, habe ich ihn spielen sehen, mit einer Altherrenmannschaft in Todendorf. Nach Spielschluss ging er knapp an mir vorüber – wie gern hätte ich ihm die Hände geschüttelt. Jedenfalls war „Uns Uwe“ Schuld dass ich Fan vom Hamburger SV (kurz: HSV) geworden bin. Das Markenzeichen vom HSV ist die schwarz-weiß-blaue Raute, deswegen nenne ich meine Geschichte „Die Raute im Herzen“. Ohne Uwe Seeler drohte der HSV aus der Bundesliga abzusteigen, wieso spielte „Uns Uwe“ nicht mehr mit?

Die Weltmeisterschaft 74 kam, und Uwe Seeler war überall ein gern gesehener Gast, Deutschland wurde auch ohne ihn Weltmeister. Wichtiger war jedoch, dass der HSV wieder oben in der Bundesliga mitspielte, mit einer jungen Mannschaft. Viele Kinder strömten damals in die Fußballvereine, und ich wurde mitgerissen. Ich war ja schon ein paar Jahre Mitglied im Sportverein (SV) Siek, in der Turnsparte. In der Fußballmannschaft, D-Jugend, war ich zuerst Torwart, man brauchte ja nicht zu laufen. Keine Bewegung zu haben war aber zu langweilig, und so wurde ich Verteidiger, links oder in der Mitte. Mit meiner robusten Spielweise brauchte ich nur dem Gegenspieler den Ball abnehmen und einem eigenen Mitspieler weiterreichen. Ein Techniker bin ich nie gewesen, sondern ein Malocher, andere bezeichneten mich als „Holzhacker“. Wer an mir vorbeikommen wollte war doch selber Schuld, er hätte den Ball doch gleich mir überlassen können.

Eine Sportverletzung habe ich nie gehabt. Meine Probleme waren anderer Natur. Da war die Sache mit dem Spielerpass. Ich war doch schon im Verein angemeldet, wieso brauchte ich da noch einen Spielerpass? Zuerst habe ich diese Sache ganz schön schludern lassen, dann war der Pass fertig und ich habe ihn dem Trainer gegeben, später war der Pass auf einmal verschwunden, Kopien waren zum Glück angefertigt worden und wurden verwendet, aber dieses Trara ging mir auf die Nerven. Und ein richtiges Spielertrikot habe ich auch nie gehabt. Mein Problem war, meine neue Leidenschaft für Fußball wurde nicht unbedingt gelitten, besonders meine Großmutter war nicht davon angetan. Sie meinte immer nur „Irgendwann brichst du dir noch mal die Knochen“. In meiner Nachbarschaft wohnten mit Hans und Hermann Körner und Udo Stroinski tolle Fußballspieler, und die waren oftmals verletzt – aber was konnte ich dafür? Die Leistungen in der Schule ließen auch stark nach, die 6. Klasse habe ich nur mit Mühe und Not überstanden, die Versetzung in Klasse 7 war „stark gefährdet“. Wie es beim Fußballspielen auf dem Hof üblich ist gingen Scheiben und Lampen zu Bruch, und einige Nichtspieler wurden vom Ball am Kopf getroffen wenn sie sich zufälligerweise in der Flugbahn des Balles befanden. Es verging kein Tag an dem ich nicht mit dem Ball gebolzt habe.

Im Sommer 75, zur neuen Saison, mit 12 Jahren wurde ich Spieler der C-Jugend. Irgendwie war es ein merkwürdiger Tag. Treffpunkt war die neue Bushaltestelle, ich sollte hier warten und den Spielerbus aufhalten. Ein Bus kam auch, aber mit der Aufschrift „SSV Grossensee“. Was hatte ich mit dem Nachbarort Grossensee zu tun? Der Fahrer und ich, wir kannten uns nicht. Und ich wusste nicht, dass die Sieker Jugendlichen nun in Grossensee mitspielen sollten. Der Fahrer sollte warten, meine Kameraden kämen gleich, aber sie waren nicht gleich da, so fuhr er ohne uns los. Alle waren sauer auf mich, wir fuhren eben mit dem Fahrrad zum Sportplatz in den Nachbarort. Und was war? Kein Spielerpass von mir, mein Name stand nicht auf der Liste, also kannte man mich nicht. Ein paar Mal habe ich mittrainiert, irgendwie wollten sie mich nicht haben hatte ich das Gefühl. Einmal durfte ich in einem Punktspiel mitspielen weil zu viele Spieler ausfielen, unter einem fremden Namen von dem ein Pass vorhanden war, und prompt habe ich auch ein Tor geschossen. Das nächste Spiel durfte ich schon wieder nicht mitspielen, und so verlor ich die Lust, jedenfalls auf Vereinsfußball. Dem SV Siek bin ich bis heute treu geblieben, als förderndes Mitglied.

Wenn das Wetter gut war haben wir Jugendliche eigentlich immer Fußball gespielt, meistens auf dem Marktplatz in Siek. Dienstagnachmittags war Konfirmationsunterricht, und um die Zeit bis dahin zu überbrücken bot sich der Platz neben der Kirche geradezu zum Bolzen an. Auch nach Großhansdorf bin ich oftmals mit dem Fahrrad hingefahren, um mit meinen Schulkameraden zu kicken. Es hat viel mehr Spaß gebracht als im Verein, weil immer alle Anwesenden mitspielen konnten. Noch schöner war es wenn wir mehrere Mannschaften bilden konnten, man hatte mehr Pause und war nicht allzu schnell ausgelaugt. Ich hatte immer das Gefühl meinen Kameraden willkommen zu sein. Eine Zeitlang konnte ich nicht mitmachen wegen einem Kursus an der Tanzschule, meine Mitspieler fanden das nicht so toll, wieso ich die Gemeinschaft so im Stich lassen könne. Im meinem letzten Jahr an der Realschule wurde eine Volleyball-AG gegründet, gespielt wurde donnerstags, und um die Zeit bis dahin zu überbrücken haben wir in der Halle Fußball gespielt. Um eine Versicherung haben wir uns nie Gedanken gemacht, weil ja nie etwas passiert ist. Nun waren wir über den Schulsport versichert. Für den Fall einer Verletzung sollten wir sofort das Volleyballnetz aufspannen, damit es so aussah als ob es beim Volleyball passiert wäre. Wie gesagt, das haben wir nie gebraucht. Ich denke noch heute gerne an diese Zeit zurück, an meinen guten Sportlehrer Peter Michael Bürger der uns dies alles ermöglicht hat. Täten sich alle Lehrer so für die Schüler einsetzen, die Schule würde wesentlich mehr Spaß bringen.

Die Saison 1978/79 war sowieso außergewöhnlich, weil der HSV erstmals wieder Deutscher Meister wurde. Mit dem HSV war es stetig bergauf gegangen, 1976 der DFB-Pokalsieg, und 1977 den Europapokal der Pokalsieger gewonnen. Ein ganzes Jahr lang, 1977, hatte ich jeden Zeitungsausschnitt über den HSV gesammelt und abgeheftet, mehrere hundert Seite sind es geworden. Meine Sammlung besitze ich auch heute noch, seitdem sind jetzt (Februar 2007) bereits 30 Jahre vergangen. Seit Kevin Keegan beim HSV spielte, hatte mein Verein wieder einen Star wie „Uns Uwe“. Keegan wurde 1978 und 1979 zu Europas bestem Fußballer gewählt, ein Stolz für jeden HSV-Fan. Im Mai 1979 kam er nach Schmalenbek zu einer Autogrammstunde, und ich habe mir auch ein Autogramm geholt. So einen sympathischen Menschen habe ich selten erlebt. Im Frühjahr 1979 haben wir bald jedes Heimspiel besucht, die Mannschaften so wie der damals amtierende Meister 1. FC Köln wurden nur so aus dem Stadion gefegt, Köln gar mit 6:0 abgefertigt. Das letzte Spiel gegen Bayern München ging zwar mit 1:2 verloren, aber die Meisterschaft stand schon vorher fest. Als das Spiel zu Ende war sahen wir dass sich ein Tor zum Innenbereich hin öffnete. Wir dachten, der Verein wolle seine treuen Fans mitfeiern lassen und stürmten auf den Platz. Einige meiner Kumpels hatten es geschafft, die Meisterschale anzufassen, ich jedoch nicht. Erst nachher haben wir gemerkt, welche Katastrophe ausgebrochen war. Das eine Tor, durch das wir auf den Platz gelangten, war vorher aufgebrochen worden, doch das wussten wir ja nicht. Und nach uns drängte sich eine gewaltige Menschenmenge hindurch, einer drückte den anderen nach vorn und über den anderen hinweg, dass eine Massenpanik entstand. Zum Glück hatte es keine Tote gegeben, aber die Stimmung für eine Meisterfeier war nicht mehr da.

Nach der Realschulzeit war es ziemlich vorbei mit dem Fußballspielen. Der Kontakt zu meinen Kumpels riss zwar nicht völlig ab, da wir uns alle 2 Wochen, später alle 4 Wochen zum Kegeln im Sportlerheim in Großhansdorf trafen. Aber zusammen Fußball zu spielen war kaum möglich, da jeder nun andere Verpflichtungen hatte. An ein Turnier kann ich mit noch gut erinnern, Anfang März 1980 in der Sporthalle vom Emil-von-Behring-Gymnasium. Wir hatten als ehemaliger Jahrgang am Turnier teilgenommen. Ich hatte gemerkt, wenn man längere Zeit nicht gespielt hat fehlen einem die Kondition und die Koordination. Dieses Turnier ist mir deshalb im Gedächtnis geblieben, weil mein Vater in diesen Tagen mit einem Leistenbruch im Krankenhaus lag, ich war also alleine für die Tiere und den Betrieb verantwortlich, und meine Großmutter immer rumjammerte „Wie könnt ihr ihm das erlauben? Er bricht sich noch alle Knochen“. Später musste noch der Notarzt geholt werden, meine Großmutter kam ins Krankenhaus wo sie dann auch einige Tage später verstarb. Ich meine, ich war zu dem Zeitpunkt 17 Jahre alt, alt genug um zu wissen was ich tue. Und zum wiederholten Male kann ich nur sagen, beim Sport habe ich mir nie etwas gebrochen, keine Verletzung gehabt. Wenn ich ab und zu mal Zeit hatte durfte ich als „Gastspieler“ mitspielen, und darüber war ich froh.

Einige Zeit lang habe ich im Verein SV Siek wieder mittrainiert, und daran war Hermann Körner Schuld. Hermann war 1981, als ich die Ausbildung abgeschlossen hatte, Trainer der Ersten Herrenmannschaft des SV Siek. Er und sein Bruder waren immer hilfsbereit wenn wir in der Ernte Hilfe benötigten. Und er kannte mich als Fußballfan. Da war es ein leichtes Spiel, mich zum Fußballspielen zu überreden. Aber ich merkte sehr schnell, ich konnte nicht mithalten. Beim Training Dienstag und Donnerstag abends waren fast nur Spieler der Ersten Herrenmannschaft anwesend, und die waren damals sehr stark, vielleicht die beste Mannschaft die Siek je hatte. Die Hinrunde Herbst 1981 in der Bezirksklasse hatten sie als Tabellenführer abgeschlossen, nur 3 Verlustpunkte. Ich war jedes Spiel, auch jedes Auswärtsspiel, als Zuschauer dabei, immer hundert und mehr Schlachtenbummler, für so einen kleinen Verein wie der SV Siek ist das grandios. Aber mit dem Trainieren und Spielen haperte es bei mir immer mehr, ich wurde immer schwächer, bis ich ganz aufhörte. Als Edelfan war ich weit besser zu gebrauchen. Der SV Siek wurde diese Saison auch tatsächlich Meister und stieg in die Bezirksliga auf, außerdem wurde 1982 der Kreispokal durch einen Erfolg über die übermächtigen Nachbarn vom TuS Hoisdorf gewonnen. Im Bezirkspokal war erst Schluss, als der Drittligist VfB Lübeck in Siek antrat. Eine einmalige Sache für so einen kleinen Dorfverein. Leider ging die mannschaftliche Geschlossenheit nach und nach verloren, nach einem durchaus guten Start wurde der Verein bis ans Tabellenende durchgereicht und stieg wieder ab. Ich habe zu der Zeit auch nicht mehr alle Spiele besucht, und irgendwann war Hermann Körner auch nicht mehr Trainer. Die nächste Saison stieg der SV Siek wieder ab, runter in die Kreisliga, die „Klopperliga“. Ein paar Heimspiele habe ich in den 1980er Jahren noch besucht, weil ich noch einige Spieler kannte. Aber mit deren Verschwinden verschwand auch mein Interesse. Die Körners haben im August 1984 noch ein Abschiedsspiel bekommen, gegen die Altligamannschaft vom HSV. Charly Dörfel hatte mitgespielt und Gerd-Volker Schock, der spätere Bundesligatrainer vom HSV, es war sehr interessant.

Ab und an hatte ich mit meinen Kumpels im Sommer, abends wenn es noch hell war, noch gedaddelt, bis es irgendwann vorbei war. Es zogen immer mehr Bekannte weg, und ich hatte andere Interessen. Es dauerte bis in das Jahr 1996, bis ich wieder Fußball spielte. Ich hatte ein paar Kumpels wieder getroffen, und die fragten mich ob ich nicht wieder mitspielen wolle. Ich fragte, ob sie noch immer spielen würden, ich konnte es nicht glauben. Doch, sie waren immer noch dabei, jeden Donnerstagabend in der kleinen Realschulhalle, ganz offiziell als Schulverein. Wie glücklich war ich wieder dabei sein zu dürfen, 17 Jahre waren seit der Realschulzeit vergangen. Und sie waren froh wieder einen alten Kumpel dabei zu haben, nachdem Peter Bürger weggezogen war. Und es war so wie früher, wir lachten und stritten miteinander. Sie meinten, ich hätte mich gar nicht verändert – im positiven Sinne. Drei Jahre war ich wieder dabei, bis im Sommer 1999. Warum ich dann wieder aufgehört habe? Ich wurde mit der Zeit immer langsamer, die anderen mussten immer öfter über die Klinge springen. Es ist zwar nie etwas passiert, aber ich wäre meines Lebens auch nicht mehr froh geworden wenn etwas passiert wäre und ich hätte Schuld gehabt. Manchmal denke ich, ich schaue Donnerstagabends noch einmal vorbei, aber ich wohne jetzt einfach zu weit weg. Nein, der Fußball liegt nun in der Ecke, und da bleibt er auch liegen.