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Im Januar 1983 bin ich in die Sieker Feuerwehr eingetreten, im Alter von 20 Jahren.
Warum nicht früher? Es hatte mich vorher niemand gefragt, ob ich nicht mitmachen möchte.
Wenn die Sirenen heulten, war ich schon als Kind oder Jugendlicher losgeradelt um zu sehen wo es brennt. Anfang der 70er Jahre hatte die Wehr ein neues Feuerwehrgerätehaus bekommen, und der Andrang in die Feuerwehr nahm derart zu, dass für mehrere Jahre ein Aufnahmestopp verhängt wurde. Egal welches Fest die Wehr veranstaltete, ich war immer dabei – im Publikum. Anfang der 80er Jahre waren mehrere meiner Schulkameraden in die Feuerwehr eingetreten, und beim Laternenumzug 1982 haben meine Freunde mich überredet auch mitzumachen, schließlich war mein Vater seit Jahresanfang neuer Ortswehrführer in Siek.

Um den Posten des ersten Mannes in der Wehr hatte mein Vater sich nicht bemüht. Er war zu dem Zeitpunkt 12 Jahre Schriftführer im Verein, und wollte es eigentlich auch bleiben. Der Posten des Wehrführers konnte bei der ersten Wahl nicht besetzt werden, und der Bürgermeister Karl Fach drohte mit einer Zusammenlegung der Sieker mit der Meilsdorfer Wehr, die auch zur Gemeinde Siek gehört. Dieses wollten die Feuerwehrleute aber nicht, und so wurde mein Vater bei der nächsten Wahl gewählt.

Am Anfang war alles sehr stressig, aber auch schön. Das erste Jahr in der Feuerwehr ist das Anwärterjahr, sozusagen die Probezeit. Neben der Landwirtschaftsschule musste ich nun den Anwärter-Lehrgang besuchen wo jedem Neuling die Grundbegriffe beigebracht werden. Dazu kam natürlich der reguläre Feuerwehrdienst, den durfte ich natürlich nicht missen wenn ich übernommen werden wollte. Das erste Jahr bleibt bei mir gut in Erinnerung haften, so der erste große Einsatz beim Brand der Scheune von Herbert Ann, oder auch der Grillabend bei Erwin Niemeyer draußen im Garten.

Wer viel für die Feuerwehr tut hat auch gleich viele Neider. In den nächsten beiden Jahren besuchte ich mehrmals die Feuerwehrschule in Nütschau, einen Maschinisten-, einen Funker- und einen Truppführerlehrgang sowie eine Strahlenschutz-Unterweisung. Deswegen bin ich auch schnell zum Oberfeuerwehrmann befördert worden. Einige Kameraden, die länger als ich in der Wehr waren und keine Lehrgänge besuchten, fühlten sich dadurch zurückversetzt, aber was kann ich dafür? Ich hatte meine Befähigung nachgewiesen einen Trupp führen zu können, daher die Beförderung. Die Neider waren anderer Meinung, frei nach dem Motto „Ist ja klar, als Sohn des Wehrführers wird er ja bevorzugt“. Meine Reaktion: „Was stört es der Eiche wenn sich die Sau daran scheuert?“ Ich hatte mir nichts vorzuwerfen.

1986 wurde die FF Siek 100 Jahre alt. Es wurde Anfang Juni ein gemeinsames Fest mit dem Gesangverein gefeiert, und da ich dort auch Sänger war hatte ich mehr als andere Kameraden in der Feuerwehr zu tun. Hinzu kam noch mein Vater, der als Wehrführer die Leitung des Festes hatte, viel Zeit hierfür verbrachte, in der Landwirtschaft musste ich mehr und mehr Aufgaben übernehmen. Die Leistung die ich vollbracht habe konnte (oder wollte) niemand sehen. Ich konnte nicht überall sein. Es kamen solche Sprüche auf wie „Als Sohn des Wehrführers kannst du dir ja alles erlauben“. Ich habe für die Feuerwehr getan was ich konnte, auch hier habe ich mir nichts vorzuwerfen.

Ein Jahr später war Amtsfeuerwehrfest in Siek, bis jetzt (März 2005) das letzte, und das bei neun Amtswehren und jährlichen Veranstaltungen. Auch diesem Fest musste alles untergeordnet werden, jede Menge Arbeit und keinen Dank. Aber was soll´s, ich hatte es für die Gemeinschaft getan, und ich dachte irgendwann würde sich einmal mein Einsatz für die Feuerwehr lohnen.

Wie sich im Laufe der Jahre die Zeiten ändern können hätte ich vorher nicht gedacht. Nach und nach gingen immer mehr Freunde und ehemalige Schulkameraden aus der Feuerwehr raus weil sie aus Siek wegzogen. Die ältere Generation wurde entweder in die Ehrenabteilung versetzt oder verstarb, die Zahl der Bekannten nahm ab. Was hatten wir früher alles gemeinsam unternommen? Für den Laternenumzug musste jedes Jahr ein provisorischer Unterstand mit einem Tresen aufgebaut werden, die Sachen dafür lagen im Speicher in unserem Schuppen dafür bereit. Natürlich musste nach dem Fest alles wieder abgebaut und im Schuppen verstaut werden. Oder den Punschabend in der Adventszeit. Nachmittags die Mehrzweckhalle aufbauen, abends nach dem Fest wieder abbauen, am nächsten Morgen wurde die Halle wieder gebraucht. Und trotzdem meinten die Leute immer mehr und mehr meckern zu müssen. Schließlich hatte sich die Feuerwehr dazu entschlossen keinen Punschabend mehr zu veranstalten. Viele Leute waren sauer, „die Feuerwehr würde sich aus ihrer Verantwortung stehlen“, die Sieker Gemeindevertretung hatte es in eigener Regie versucht, aber nach 3 erfolglosen Experimenten auch aufgegeben. Die Arbeit die so ein Fest mit sich bringt ist enorm, und wenn der Undank immer größer wird bringt es auch keinen Spaß mehr.

Im Laufe der Zeit veränderte sich die Zahl der Mitglieder in der Feuerwehr, neue Leute kamen hinzu, und mit diesen neuen Mitgliedern änderte sich auch der Charakter der Feuerwehr. Früher hieß es „Wir feiern gemeinsam, und wir arbeiten gemeinsam“. Jetzt war es z.B. so, bei einem Besuch der Flughafenfeuerwehr in Hamburg waren 25 Kameraden dabei, eine Woche später beim Amtsfeuerwehrfest jedoch nur 12. In meiner Zeit in der Feuerwehr hatte ich jedes Amtsfest mitgemacht, aber mein vorbildlicher Einsatz zählte zum Ende meiner Mitgliedschaft nicht mehr.

Das erste Mal aus der Wehr austreten wollte ich Anfang 1994, ich hatte die Nase gestrichen voll. Ein Jahr vorher war ich zum Schriftführer gewählt worden, schon machte das Wort der „Familienbande“ die Runde, mein Vater und ich würden nun die Feuerwehr beherrschen. In Wirklichkeit hatte ich den Posten nur übernommen weil kein anderer es machen wollte. Die Amtszeit meines Vaters war Anfang 1994 abgelaufen, 12 Jahre lang war er Ortswehrführer, die letzten 6 Jahre sogar Gemeindewehrführer. Er war nun über 60 Jahre alt, und ein jüngerer Kamerad wollte übernehmen, also war der Wechsel beschlossene Sache. Auf der Vorstandssitzung wurden meinem Vater wegen der Ehrungen viele Versprechungen gemacht, als er abgedankt hatte war alles vergessen, nicht eine einzige Ehrung, eine ganz bittere Enttäuschung. Ich hatte den jungen Kameraden, damals 25 Jahre alt, mit vorgeschlagen, hatte ihn voll unterstützt, und nun watscht der Vorstand meinen Vater ab. Eines Abends hatte ich ein gemeinsames Gespräch mit dem neuen Wehrführer, dem Gemeinde- sowie dem Amtswehrführer, wir klärten alle Dinge auf, und ich blieb der Feuerwehr erhalten. Aber nach dem, was ich hier erfuhr, hätte der junge Kamerad niemals Wehrführer werden dürfen, er hatte einfach keine Qualifikation dafür.

Trotzdem habe ich in den letzten 2 Jahren in der Feuerwehr alles für den neuen Wehrführer getan was ich konnte. Er hat auch von meinem Vater jegliche Unterstützung bekommen, schließlich war er noch zu grün für den Posten. Aber er war von vornherein überfordert.

Ein Beispiel ist der Laternenumzug. Auf dem Dienstplan stand „Sonntagmorgen abbauen“. Während des Festes wusste ich nichts von einer Änderung, und als ich am Sonntagmorgen meinen Dienst antreten wollte war alles auf den Montagnachmittag 17 Uhr verlegt. Natürlich konnte ich da keinen Dienst verrichten weil ich meine Tiere versorgen und die Kühe melken musste. Nachher habe ich Vorwürfe erhalten ich hätte meinen Dienst geschwänzt. Dem neuen Wehrführer waren häufiger Dinge sehr kurzfristig eingefallen die zu Änderungen führten, hier musste er seinen Sohn am Sonntagmorgen zu einem Fußballspiel begleiten.

Die Missstimmung in der Feuerwehr wuchs gegen mich, weil ich angeblich „bevorzugt“ werden würde. Mein Vater war nicht mehr der erste Mann in der Wehr, so hatten nun andere freie Bahn gegen mich zu sticheln. Für den Posten des 2. Wehrführers wurden Bewerber gesucht, und als ich mich dafür stellen wollte war keiner davon begeistert, einige wollten sogar austreten. Eine Vertrauensbasis war dieses sicherlich nicht.

Das Chaos wurde immer schlimmer. 1995 begannen die Vorbereitungen für die 110-Jahr-Feier im Jahr darauf, wieder gemeinsam mit dem Gesangverein, und weil ich in beiden Vereinen der Schriftführer war sollte ich unbedingt dabei sein. Eigentlich wollte ich nicht, aber weil die Frau, die sonst die Arbeit übernommen hatte, auch nicht wollte, so blieb die Arbeit an mir hängen. Aber bei der 3. Versammlung war die Frau doch da, und weil ich nicht ging, ist sie schließlich selbst gegangen, ohne dass über eine Aufteilung der Aufgaben geredet worden ist. Hinterher bekomme ich zu hören, ich hätte meiner „Vorgesetzten“ die Arbeit weggenommen. Der Wehrführer hatte wirklich geglaubt ich würde hier für sie den Knecht spielen. Es gab immer mehr sog. „Missverständnisse“. Die Versammlung beschloss für das Fest den einen Termin, der Wehrführer gibt öffentlich einen anderen Termin bekannt. Einige Versammlungen konnte er gar nicht besuchen weil ihm kurz vorher einfiel dass er doch keine Zeit hatte, und dass obwohl er der Vorsitzende des Festausschusses war. Das Arbeiten war die reinste Tortur.

Die Feuerwehr beschloss ein neues Fahrzeug anzuschaffen, ein LF 16 mit Tank, wofür man den Führerschein der Klasse 2 benötigte. Die Feuerwehr beschloss das? Nein, die beiden Wehrführer beschlossen dieses, es wurde kein anderer gefragt, es hatte kein anderer was zu sagen, nicht einmal eine Vorstandssitzung darüber wurde einberufen. Die Wehr hatte seit kurzem einen neuen 2. Wehrführer, der wie der 1. Wehrführer keine Qualifikation besaß, und bis zu seiner vorzeitigen Abwahl auch keine Qualifikation nachholte, keinen Lehrgang besuchte. Und solche Leute wollten mich dazu überreden ich solle für das neue Fahrzeug den Führerschein der Klasse 2 nachholen. Angeblich wollte die Feuerwehr mir einen Zuschuss von 500 DM gewähren, „großzügig“, den Rest hätte ich aber selber tragen müssen, mindestens 2.000 DM. Weder beruflich noch privat konnte ich mit so einem Führerschein etwas anfangen, ich hätte es nur für die Feuerwehr getan, also hieß mein Bescheid logischerweise „nur wenn die Feuerwehr alles bezahlt“. Der Vorwurf der „Erpressung“ machte sich breit. Es gab doch genügend Kameraden in der Wehr, ein anderer hätte es genauso gut machen können.

Die Kommunikation wurde immer schlechter, Anfang des Jahres 1996 ging gar nichts mehr. Ich hatte mir überlegt, wenn ich den Posten des Gerätewartes übernehmen könnte, würde ich doch den Führerschein machen können, die Investition hätte sich gelohnt. Aber jetzt hieß es, ich wollte einen von beiden Gerätewarten aus dem Amt stoßen. Mein Vater hat für einen jüngeren Kameraden den Platz geräumt, bei mir ging es im Gegenzug nicht. Auf der Vorstandssitzung vor dem Tannenbaumverbrennen, eine neue Veranstaltung, wurde beschlossen, kein Kamerad durfte Gartenabfälle hinschaffen, und als das Verbrennen stattfand haben einige Kameraden mit Trecker und Wagen Holz hingeschafft. „Wir haben eben unsere Meinung geändert“ hieß es ganz lapidar. Wie soll da eine vertrauensvolle Zusammenarbeit stattfinden können? Mit Wut im Bauch habe ich dem Wehrführer einen Brief geschrieben.

Ein paar Tage vor der Jahreshauptversammlung gab es ein Treffen mit mir und den beiden Wehrführern im Feuerwehrgerätehaus. Hier wurde mir knallhart die Pistole auf die Brust gesetzt. Mir wurde erklärt, hier der Standpunkt der Wehrführer, dort mein Standpunkt, es darf nur die Meinung der Wehrführer gelten. Konsequenz: entweder nehme ich den Standpunkt der Wehrführer an, oder sie wollten dafür sorgen dass ich aus der Wehr fliege. Den ausschlaggebenden Satz werde ich nie vergessen: „In deinem Brief ist jedes zweite Wort Ich, Ich, Ich – sage uns doch bitte mal in wessen Namen du redest“. Ich konnte nicht mehr, und ich wollte nicht mehr. Zwei Tage vor der Jahreshauptversammlung habe ich schriftlich meinen Austritt erklärt.

Was hätte ich denn machen sollen? Meine Arbeit wurde geschätzt, mein Wesen weniger. Und nun drohte eine Auseinandersetzung ausgerechnet mit den Personen die mir am wichtigsten waren. Der eine Gerätewart hatte uns in der Ernte immer geholfen wenn wir Hilfe brauchten. Ich wollte ihn nicht um seinen Posten bringen, er hatte sich gegen mich aufhetzen lassen. Was hatte da die Mitgliedschaft in der Feuerwehr noch für einen Sinn? Gar keinen. Ich hatte niemanden von meinem Austritt erzählt, selbst mein Vater ist auf der Jahreshauptversammlung überrascht worden. Und meine Mutter sagte nur drei Worte als sie davon hörte: "Gott sei Dank“.

Wie ging es weiter? Die Feuerwehr musste selbstverständlich das Lager bei uns im Schuppen räumen. Der Ausschank zum Laternenumzug findet seit vielen Jahren nun im Feuerwehrgerätehaus statt, den Auf- und Abbau auf dem Marktplatz macht keiner mehr. Das Feuerwehrfahrzeug ist angeschafft worden, aber manches Ausrücken zum Einsatz dauert länger weil erst auf einen Fahrer gewartet werden muss der den nötigen Führerschein hat.
Auch die 110-Jahr-Feier haben wir über die Runde bekommen, ich war ja noch vom Gesangverein aus daran beteiligt.

Ich konnte es mir nach 13 Jahren Mitgliedschaft nicht länger gefallen lassen noch immer als Anwärter behandelt zu werden, frei nach dem Motto „Wer meine Arbeit macht ist auch mein Knecht“. Ich war Mitglied in der freiwilligen Feuerwehr, mit der Betonung auf „freiwillig“, die anderen waren der Meinung Ein- und Austreten ist freiwillig, ansonsten zähle nur Befehl und Gehorsam. Die Leistung die ich erbracht hatte zählte nichts mehr. Heute stehe ich über den Dingen und habe mit keinem in der Sieker Feuerwehr irgendein Problem. Eines weiß ich ganz gewiss: ich werde keine Uniform der Feuerwehr mehr anziehen.