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Die Raute im Herzen

"Siek ist kein Bauerndorf mehr!"

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Wenn man trotzdem lacht

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Eigentlich hatte ich in meinem Leben schon genug Schule hinter mir, dachte ich. Realschule, 2 Jahre Berufsschule, 2 Semester Landwirtschaftsschule, anschließend Höhere Landbauschule und Meisterprüfung, mit 22 Jahren schon Landwirtschafsmeister, eigentlich sollte nun Schluss sein. Schließlich lernt man für das Leben und nicht für die Schule. Und das Leben sollte nun beginnen.

Aber man lernt im Leben nie aus. Hier mal ein Lehrgang für die Feuerwehr, da mal eine Fortbildungsveranstaltung für den Beruf, schließlich noch ein Schwimmkurs, vom Arzt empfohlen, Rückenschwimmen sollte gut für meinen kranken Rücken sein. Ob ich wollte oder nicht, irgendwo hatte ich immer etwas für die Bildung zu tun.

Es ist halt so im Leben, wenn man irgendwo nicht weiterkommt muss man sich nach anderen Möglichkeiten umsehen. In der Landwirtschaft hatte eine Zeit des Stillstands eingesetzt. In der Milchviehhaltung wurde 1984 die Milchquote eingeführt, ein neuer Stall konnte nicht finanziert werden, und ohne Milchkühe war der Betrieb wirtschaftlich nicht überlebensfähig, also war es lange Jahre nur möglich den Status Quo zu erhalten. In einer Volkswirtschaft, wo nur Wachsen oder Weichen zählt, ein deprimierender Zustand. Was sollte man machen? Der einzige Weg schien der Erwerb eines zusätzlichen Einkommens außerhalb der Landwirtschaft.

Aber wie sollte man das bewerkstelligen? Meinen Beruf, meinen Betrieb, meine Existenz aufgeben wollte ich nicht, zum Leben blieb nicht allzu viel übrig, aber zum „Sterben“ war einfach noch zuviel vorhanden. Die Kühe mussten jeden Tag zweimal gemolken, die Tiere jeden Tag versorgt werden, eine zeitliche Bindung war gegeben. Und irgendwo nur Aushilfe, ein billiger Lakai zu sein, dazu hatte ich auch keine Lust. Für einen besseren Job muss man eine bessere Qualifikation nachweisen können. Ich hätte noch gerne Betriebswirtschaft studiert. Aber zum einen konnte ich keinen notwendigen Berufsabschluss nachweisen, meine Ausbildung als Landwirt zählte nicht als „wirtschaftlicher“ Abschluss, und zum anderen konnte ich aus zeitlichen Gründen keine Abendschule besuchen, um 17 Uhr, wo der Unterricht beginnen sollte, war ich immer mit dem Melken der Kühe beschäftigt..

„Unverhofft kommt oft“ heißt ein bekanntes Sprichwort. Im Februar 1992 war ich in Groß Boden zum Kaffee eingeladen. Ich weiß heute (Februar 2007) nicht mehr den Anlass, Beate hatte auch eine Freundin eingeladen, die ich von Beate´s Hochzeitsfeier im Juni 1989 her kannte. Diese Freundin besuchte die Fernschule in Hamburg und machte an diesem Nachmittag Werbung dafür, für eine erfolgreiche Vermittlung konnte sie Provision kassieren, und als arme Studentin konnte sie jede Mark gut gebrauchen. So kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit der Fernschule. In den Jahren zuvor hatte ich schon einige Anzeigen von ihnen gelesen, aber ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen dass Fernunterricht etwas für mich sein könnte.

Eigentlich wollte die Freundin ja Beate überzeugen und nicht mich, ich kam nur durch Zufall dazu. Sie hatte dafür Unterlagen von der Fernschule mitgebracht, das Studienhandbuch wo zu jedem Lehrgang die Teilnahmebedingungen verzeichnet waren, sowie mehrere Studienhefte wo sie erklären konnte wie Lernen zu Hause funktioniert. Irgendwie verschwand die Scheu vor dem Fernunterricht. Zu Hause konnte ich mir einen mir genehmen Zeitplan für das Lernen aufstellen, der Zeitdruck war weg, und ich musste nicht immer zur Schule. Je nach Art und Umfang der Ausbildung wurden auch Lehrgänge unterschiedlicher Länge angeboten. In den eigenen vier Wänden lernen ist ja schön und gut, aber ob man etwas gelernt hat kann man nur in Prüfungen unter Beweis stellen, und wie gut der jeweilige Bildungsstand ist erkennt man erst im Vergleich mit Mitschülern. Ich dachte mir, ausprobieren könnte ich es ja mal. So bekam ich ein paar Tage später Post vom Institut für Lernsysteme GmbH (kurz ILS), Doberaner Weg in Hamburg-Rahlstedt, gegenüber dem Rahlstedter Bahnhof.

Aber welcher Lehrgang ist der Richtige für mich? Wie schon erwähnt zählte meine Berufsausbildung als Landwirt nicht für einen wirtschaftlichen Abschluss, auch für keinen technischen Abschluss, also waren Betriebswirtschaftslehre und Fachhochschule für mich ausgeschlossen. So kam für mich nur der allgemein bildende Schulweg in Frage, sprich Abitur. Da meine Realschulzeit über 10 Jahre zurück lag, wählte ich die 2. Einstiegszeit, Regelstudienzeit 36 Monate, insgesamt 12 Studienvierteljahre, mit einem wöchentlichen Zeitbedarf von etwa 15 Stunden. Ein paar Wochen Probezeit hatte ich, in denen ich bestimmte Studienhefte bearbeiten konnte, bei Nichtgefallen hätte ich problemlos kündigen können. Der Einstieg war für mich leicht, da ich vieles schon in der Realschule gelernt hatte, und so startete ich meine „Karriere“ als Fernschüler.

Wie funktioniert Fernunterricht überhaupt? Zu Beginn jedes Vierteljahres wurden mir Studienhefte für das jeweilige Quartal zugeschickt. 10 Fächer gab es: Deutsch, Englisch, Mathematik, Biologie, Chemie, Physik, Geschichte, Erdkunde, Sozialkunde, und als zweite Fremdsprache wählte ich Französisch, da waren noch Grundkenntnisse aus der Realschulzeit bei mir vorhanden. Jedes Vierteljahr gab es einen neuen Studienplan, nach diesem Plan sollte ich die Studienhefte bearbeiten und lernen. In jedem Studienheft lagen gelbe Blätter, quasi die „Klassenarbeiten“. Diese Blätter wurden erst einmal zur Seite gelegt und erst nach dem Bearbeiten des jeweiligen Heftes wieder hervorgeholt. Praktisch war es schon, dass man Klassenarbeiten schreiben konnte wenn es einem passte, und nicht wenn man musste. Natürlich hätte man auch schummeln können, z.B. hätte niemand kontrollieren können ob man sich tatsächlich an die Zeitvorgaben gehalten hat. Aber die Arbeiten sind zur eigenen Kontrolle des Wissensstandes gedacht, und mit einer Mogelei hätte man sich nur selbst betrogen. Die Arbeiten wurden per Post zum ILS hingeschickt, die sie zum jeweiligen Fachlehrer weiterleitete, der die Arbeit korrigierte und benotete, dann bekam ich alles wieder zugeschickt. Das ILS hat selbst keine Lehrer fest angestellt, sondern sie bezahlt Lehrer die an Schulen fest angestellt sind auf Honorarbasis. Dadurch ist sichergestellt, dass immer nach den neuesten Lehrplänen unterrichtet wird. Ein gewisses Anforderungsprofil müssen die Lehrer schon erfüllen, es kann nicht jeder Hans und Franz Lehrer für Erwachsenenbildung werden. Je nach erfolgreicher Arbeit ging man im Lernstoff weiter und nahm sich das nächste Studienheft vor, oder bei einer weniger erfolgreichen Arbeit wiederholte man den alten Stoff. In diesem Sinne gibt es beim Fernunterricht kein Sitzen bleiben. Mangelhafte oder ungenügende Arbeiten konnte ich wiederholen, in die Bewertung floss nachher ein Durchschnitt von beiden Arbeiten ein. Dieses ist mir nicht allzu oft passiert. Eine Wiederholung des Stoffes kostet nur unnütz Zeit, also verwendet man lieber die Energie für eine gewissenhafte Durcharbeit der Hefte. Wenn man etwas nicht richtig verstand konnte man schriftliche Fragen an die Lehrer stellen. Da die Kommunikation auf dem Postweg stattfand dauerte es halt ein paar Tage bis Antwort erfolgte. In jedem Studienheft lagen auch Listen bei wo man sich weitere Lernhilfen besorgen konnte. Heute kann man alles per Internet wesentlich schneller erledigen, auch der Zugang zu Informationsquellen ist wesentlich einfacher.

Zurück in das Jahr 1992. Zwölf Studienvierteljahre hatte ich vor mir, aufgeteilt jeweils sechs in Sekundarstufe I und Sekundarstufe II. Der Stoff der ersten beiden Quartale war nur Wiederholung aus der Realschulzeit, die Quartale drei bis sechs entsprachen den Klassen 7 bis 10 beim Gymnasium. Es war zwar eine Regelstudienzeit vorgegeben, hier 36 Monate, aber diese Zeit konnte ich kostenlos um 18 Monate überziehen bevor ich hätte wieder zahlen müssen. Die Kostenseite des Fernunterrichts will ich hier übergehen. Eigentlich wollte ich ja mehr Geld verdienen und nicht mehr Geld ausgeben. Der Fernunterricht lief ungewöhnlich gut an. Die Arbeiten kamen meistens gut zensiert wieder, und der Lernerfolg beflügelte mich immer weiter meine Ziele zu verfolgen. Einzig die beiden Fremdsprachen bereiteten mir Probleme, aber das wusste ich ja schon vorher dass mir Fremdsprachen nicht schmecken.

Irgendwie passte 1992 alles sehr gut zusammen. Im Betrieb lief alles prima, das Wetter zeigte sich häufig von seiner besten Seite, war das Wetter mal nicht so gut hatte ich mehr Zeit für die Schule, und hatte ich weniger Lust zur Schule war ich mehr mit der Landwirtschaft beschäftigt. Die Regelstudienzeit besagt ja nicht dass man unbedingt jede Woche soundsoviel Stunden lernen muss, sondern man sollte im Schnitt der Zeit seine Stundenzahl erreichen. Auch privat brauchte ich keine Abstriche machen, neben Feuerwehr und Gesangverein fand ich noch Zeit für die Landjugend. In diesem Jahr eilte ich mit großen Schritten auf meinen 30. Geburtstag zu, für mich war es eine magische Grenze. Schließlich war ich nicht mehr der jüngste und noch immer ohne Partnerin. Das Alter wo man nicht mehr in Diskos oder zu Veranstaltungen geht war erreicht, und so keimte bei mir die Hoffnung auf irgendwann die Frau fürs Leben zu finden. Ich dachte, wenn man oft unterwegs ist und viele Leute kennen lernt, dann wird auch irgendwann die Richtige für mich dabei sein.

Hatte ich 1992 vollen Rückenwind, so flaute 1993 der Rückenwind merklich ab. Eigentlich war ich ja froh, nun endlich Seminare besuchen zu können, da der Vergleich zu Mitschülern irgendwie fehlte. Im März fand das Unterstufenseminar statt, da war ich im 4. Vierteljahr, und im Oktober das Mittelstufenseminar, da war ich im 5. Quartal. Interessant war der Vergleich schon, da jeder unterschiedliche Voraussetzungen hatte und jeder unterschiedliche Ziele verfolgte. Jeder Teilnehmer war aber sehr motiviert, eine solche positive Stimmung habe ich in einer Gemeinschaft selten erlebt. Die Seminare waren schön anstrengend, es musste sehr viel Stoff in kurzer Zeit durchgenommen werden. Aber es hat auch viel gebracht, ich hatte neue Lernmethoden kennen gelernt, und ich konnte nun besser an meinen Schwächen arbeiten. Das folgende Foto zeigt einige Teilnehmer vom Seminar im März 1993:

Fernschule 1993

Von den Leuten, die sitzen oder hocken, bin ich der 2. von links.

Es lief beruflich und privat nicht mehr so wie ein Jahr zuvor. Dass die Sache mit der Landjugend nur von kurzfristiger Bedeutung sein würde war mir bewusst. Es war schön mit jungen Leuten etwas zu unternehmen, alleine wäre ich nie zum Musical „Starlight Express“ nach Bochum oder zur „Grünen Woche“ nach Berlin gefahren. Aber ich war für die Landjugend einfach schon zu alt. Als meine Schwester Uta ihren Carsten kennen lernte hat sie nichts mehr mitgemacht, und von meiner Generation war schließlich auch keiner mehr da, so verlosch auch mein Interesse. Die Feuerwehr und der Gesangverein beanspruchten immer mehr Zeit, in beiden Vereinen wurde ich zum Schriftführer gewählt. In Bezug auf die Fernschule waren die Auswirkungen negativ, weil mir Zeit zum Lernen verloren ging. In der Landwirtschaft hatte ich mit durchwachsenem Wetter zu kämpfen, es war ein regenreiches Jahr. So befand ich mich nicht immer in der Stimmung Lernen zu wollen. Natürlich hatten die Seminare Zeit gekostet, ebenso eine schwere Angina im Januar 1994, so dass ich erst im März 1994 die Sekundarstufe I abschließen und die Zwischenprüfung absolvieren konnte. Die Regelstudienzeit hatte ich um 6 Monate überschritten, aber ich lag noch immer voll im Rahmen von 18 Monaten. Die Regelstudienzeit der Sekundarstufe II durfte ich somit noch um 12 Monate überziehen. Mein Zwischenprüfungszeugnis sieht wie folgt aus:


Meiner Ansicht nach gar nicht so schlecht: Eine Eins in Geschichte, dazu fünf Zweien und vier Dreien, das kann sich sehen lassen. Nun musste ich mich für 2 Fächer als Leistungskurse entscheiden, 2 Fächer durfte ich abwählen, die übrigen 6 Fächer wurden als Grundkurse weitergeführt. Ein Leistungsfach musste den Fächern Deutsch, Mathematik oder einer Fremdsprache angehören. Die Fremdsprachen sind sowieso nicht mein Fall, und in Deutsch wollte ich mich nicht mit Literatur herumquälen, also entschied ich mich für Mathe. Das andere Leistungsfach war aus den anderen Fächern frei wählbar, also entschied ich mich für Geschichte. Die beiden Fremdsprachen durfte ich leider nicht abwählen, auch Sozialkunde musste bleiben. In dem einen Block blieb nur noch Erdkunde nach und fiel weg, und im anderen Block musste eine der drei Naturwissenschaften weichen. Meine Wahl fiel auf Biologie, weil mir der Stoff zu theoretisch war. Nach der Vornote hätte es eigentlich Physik sein müssen, aber in diesem Fach fühlte ich mich irgendwie sicherer.

Bis jetzt hatte ich alles gut geschafft. Der Stoff war mir größtenteils aus der Realschulzeit bekannt, er wurde nur wiederholt und vertieft. In der Sekundarstufe II waren die Anforderungen höher. In der Mathematik hatte ich noch keine Integral- und Differenzial- Rechnung kennen gelernt, dieser Stoff war völlig neu für mich. Wegen meiner Probleme in den Fremdsprachen habe ich seit Beginn des Jahres 1994 Kurse an der Volkshochschule (VHS) besucht, 5 Jahre lang bis Ende 1998, um Englisch und Französisch besser sprechen und verstehen zu können. Leider gab es in Ahrensburg und Umgebung keine Kurse für meine beiden Leistungsfächer. Und die Oberstufenseminare der Fernschule fielen regelmäßig aus, weil es nicht genügend Anmeldungen gab. Diese vier Fächer nahmen in der Folgezeit die meiste Studienzeit in Anspruch, auch weil sie meine schriftlichen Prüfungsfächer waren. Ich hätte anstatt Französisch ein anderes Fach wählen können, aber dann wäre ich mündlich geprüft worden, und Französisch zu sprechen ist noch schlimmer als Französisch zu schreiben.

In der Folgezeit kam ich mit 15 Stunden Lernen in der Woche nicht aus, ich benötigte mehr. Wo sollte die Zeit herkommen? Meinen Beruf konnte ich nicht vernachlässigen, davon lebte ich ja. Die Vereine aufgeben? Man sieht sich immer zweimal im Leben, was von einem ausgeht wird irgendwann zu einem zurückkommen. Ich wollte mich gerne in Siek beruflich erweitern, und die Gemeindevertretung plante eine Umgehungsstraße über meine Flächen. Ich dachte, wenn ich mich für ortsansässige Vereine engagiere, was ich schon lange Jahre machte, dann wird irgendwann die Dorfgemeinschaft für meine Pläne aufgeschlossen sein, ich musste nur entschlossen daran weiter arbeiten, meine Zeit würde noch kommen. Nein, die Zeit die ich nun brauchte ging voll zu Lasten anderer privater Angelegenheiten, ich sah meinen Freundeskreis kaum noch, die Entspannung fehlte. Hätte ich die Fernschule aufgeben sollen, wo ich doch schon soviel Zeit und Geld investiert hatte? Nein, das konnte und wollte ich nicht. Außerdem hätte ich alles in der Verlängerung der Regelstudienzeit schaffen können, so gut war ich davor. Also blieb mir nichts anderes übrig als weiter zu machen, immer weiter. Der Rückenwind fehlte, also hieß es nun kämpfen. Bis Anfang des Jahres 1996 ging auch alles gut.

Irgendwann gelangt jeder Mensch an einen Punkt wo es nicht mehr weitergeht. Was hatte ich alles für berufliche Pläne geschmiedet, einen Aussiedlungsplan erarbeitet, die Umgehungsstraße auch mit einkalkuliert, der Gemeinde den Plan schriftlich mitgeteilt, aber keine Reaktion erhalten. Die Spannungen in der Feuerwehr nahmen auch immer mehr zu, was im Januar 96 zu meinem Austritt führte. Im Gesangverein bin ich noch geblieben, hier war man mir wesentlich freundlicher gesinnt. Der Verwaltungsaufwand im Betrieb nahm auch immer mehr zu. Darum hatte ich im Herbst 95 meinen ersten Computer gekauft. Natürlich musste ich nun auch PC-Lehrgänge absolvieren. Der Zeitdruck wurde immer größer, die Fernschule in der vereinbarten Studienzeit zu schaffen. Innerlich verkrampfte ich immer mehr, was zu Magenverstimmungen und Depressionen führte. War es das Burnout-Syndrom? Ich weiß es nicht. Und je näher die Jubiläumsfeier von Feuerwehr und Gesangverein rückte, desto schlimmer wurde mein Zustand. Am liebsten hätte ich meine Koffer gepackt und wäre abgehauen, so sehr widerte mich diese Feier an. Aber ich hatte noch Freunde, und die galt es zu unterstützen, die anderen, mit denen ich Spannungen hatte, die konnten mir den Buckel runterrutschen. Wegen meiner gesundheitlichen Probleme war ich im April / Mai 96 mehrmals beim Arzt und bekam pflanzliche Mittel verschrieben. Nach der 110-Jahr-Feier ging es mit meiner Gesundheit wieder bergauf, und meine Probleme bekam ich wieder in den Griff.

Es war abzusehen dass ich die Fernschule nicht in der vorgesehenen Zeit schaffen würde. Die Lösung war, ich bekam 9 Monate Extrazeit und bezahlte für die Zeit wieder Schulgeld. So bekam ich auch wieder mehr Freizeit, die Dinge entwickelten sich wieder positiver. Ich traf alte Kameraden aus der Realschulzeit wieder, die einmal in der Woche in der alten Sporthalle der Realschule Hallenfußball spielten, und ich konnte als ehemaliger Spieler wieder mitspielen. Endlich wieder glückliche Momente in meinem Leben. Die Depressionen verschwanden, und die Magenprobleme bekam ich auch nach und nach wieder in den Griff.

Im Frühjahr 1997 stand nun das Vorbereitungsseminar für die Abiturprüfung an. Zu diesem Zeitpunkt war ich 34 Jahre alt und über 5 Jahre mit dem Abitur beschäftigt. Aber ich hatte es geschafft, endlich geschafft. Eine Studienzeitverlängerung brauchte ich nun nicht mehr. Die Vorbereitungen fanden an verschiedenen Orten in Hamburg und zu verschiedenen Zeiten statt, je nachdem die Lehrer Zeit hatten. Mir war es ganz recht, so konnte ich berufliche Dinge nebenbei erledigen. Und von wo die Menschen überall herkamen, eine junge Dame aus Moskau, wo ihr Vater an der Deutschen Botschaft beschäftigt war, und eine andere junge Dame aus Ägypten. Dass ich die ersten Prüfungen in den Sand gesetzt habe, sei noch nebenbei erwähnt. Ich hatte ein Ziel erreicht, nämlich den Lehrgang abzuschließen, und ich hatte wieder zu mir selbst gefunden. Die Prüfungsvorbereitungen und die Klausuren selbst waren das nächste Ziel, es galt ja nur noch den Schein zu erwerben.

Natürlich hätte ich gerne gleich den Abschluss gemacht. Aber die Klausuren beim ILS waren Voraussetzung für die Zulassung für das staatliche Fremdenabitur, und wenn man die Klausuren bei der Fernschule nicht besteht wird man auch nicht zu den staatlichen Prüfungen zugelassen. So musste ich im November 97 ein 2. Mal beim ILS die Klausuren schreiben, auf einen Vorbereitungslehrgang hatte ich verzichtet, und bin prompt zum 2. Mal durch die Prüfung gefallen. Nun war guter Rat teuer. Einfügen muss ich noch, dass ich am 1. Juli 97 den elterlichen Betrieb übernommen hatte, und als Chef war ich nun beruflich viel mehr gebunden. Außerdem wollte ich viel mehr Zeit für Vorbereitungen haben. Deswegen teilte ich der Fernschule mit, auf die Prüfungen im nächsten Frühjahr zu verzichten und erst wieder im kommenden Herbst wieder anzutreten, diesmal wieder mit einem Vorbereitungslehrgang. Die Schule respektierte meine Entscheidung.

1998 kam die große berufliche Wende. Die Gemeinde Siek wollte das Gewerbegebiet erweitern, und ich sollte eine Fläche dafür abgeben. Das Angebot der Wirtschafts- und Aufbaugesellschaft Stormarn, die meine Fläche erwerben wollte, war sehr großzügig, mein finanzieller Spielraum hätte sich enorm vergrößert. Die Planungen dauern aber viele Monate, und so musste ich mich in Geduld fassen. Aber endlich hatte ich einmal berufliche Perspektiven, weswegen ich das Abitur überhaupt angestrebt hatte, nämlich um beruflich weiter voran zu kommen. Und im Herbst 98 hatte ich es endlich geschafft, die Prüfungen habe ich dieses Mal bestanden. Nun konnte ich endlich zum staatlichen Abitur zugelassen werden. Mein Zwischenprüfungszeugnis sieht diesmal wie folgt aus:

Im Februar 99 nun die erste schriftliche Klausur an einer staatlichen Schule. Wie groß aber die Unterschiede zwischen beiden Schulen. Auf der einen Seite die Fernschule, geräumige Klassenzimmer, freundliches Ambiente, hilfsbereite Lehrer, hier hat das Lernen Spaß gebracht. Auf der anderen Seite nun die staatliche Schule in Hamburg (den Namen verschweige ich lieber), etwas heruntergekommener Eindruck, viel zu kleine Klassenzimmer, unfreundlicher Direktor, ich dachte ich muss mich übergeben. 10 Minuten vor den Klausuren erschien ich im Klassenzimmer, gleich der Anschnauzer vom Direktor „Wird Zeit dass Sie endlich erscheinen“. Mein Platz ein kleines Pult und ein kleiner Holzstuhl, ein Gefühl als ob man in einen Viehstall eingepfercht wird. Der Raum ist vorher künstlich durch eine Trennwand verkleinert worden, damit man die anwesenden Prüflinge besser im Auge hat, außerdem hätte dann der Hausmeister dann weniger Arbeit den Raum zu säubern. Eine vertrauliche Atmosphäre sieht anders aus.

Die erste Klausur war Geschichte, Thema Drittes Reich, die Goldhagenthese „Die Mörder waren normale Deutsche, also waren alle normalen Deutsche Mörder“. Meiner Ansicht nach hatte ich das Thema ganz gut bearbeitet. Am Dienstag Englisch, irgendein Schulthema, auch ein gutes Gefühl, mindestens 8 Punkte, also befriedigend erreicht zu haben. Am Mittwoch hatte ich frei. Und am Donnerstag wartete die Katastrophe auf mich.

Über Nacht plötzlicher Wintereinbruch, für den Schulweg benötigte ich anstatt 35 Minuten etwa eine Stunde länger. Ich fuhr rechtzeitig los und kam trotzdem ein paar Minuten später. Trotzdem war ich nicht der letzte, einige andere, so auch Lehrer, kamen noch wesentlich später, die Busse hatten enorme Verspätung. Dann die Verteilung der Aufgaben. Ich dachte mich trifft der Schlag, das Aufgabengebiet worauf ich mich spezialisiert hatte kam überhaupt nicht vor. Ich hatte mich auf den Rat der Studienleiterin verlassen, eine Aufgabe aus dem Gebiet komme sicher vor, und nun war meine Vorbereitung, meine Taktik über den Haufen geworfen. Was ich sonst noch gut konnte, die Strahlensätze, all mein Wissen war wie weggeblasen. Es ist so, als ob man Auto fahren will und das Auto springt nicht an weil die Batterie leer ist, und man hat keine Möglichkeit eine Starthilfe einzusetzen. Was sollte ich machen? Das Gebiet der Mathematik ist riesengroß, man kann nicht alles wissen, man muss Mut zur Lücke haben, und in diese Lücke war ich hineingefallen. Ich hatte total versagt, das wusste ich. Am Freitag noch die Klausur in Französisch, ein Thema über Fremdenfeindlichkeit, ich hatte ein gutes Gefühl mein Minimalziel vier Punkte, Bewertung schwach ausreichend, erreicht zu haben.

Natürlich hatte ich mich mit meiner Studienleiterin in Verbindung gesetzt und ihr alles erklärt. Sie beruhigte mich, ich hätte noch die Chance der mündlichen Nachprüfung in Mathematik, wenn ich im anderen Leistungsfach wenigstens 8 Punkte erreichte. Doch dem war leider nicht so, meine Klausur in Geschichte wurde mit nur 4 Punkten bewertet, so schlecht wie nie zuvor im Lehrgang. Durch diese Prüfung war ich durchgefallen, trotz 9 Punkte in Englisch und 4 Punkte in Französisch. Die Gründe für die schlechte Bewertung meiner Geschichtsklausur ließen mir die Haare zu Berge stehen. Unter anderem soll ich den Nationalsozialismus mit dem Kommunismus „gleichgesetzt“ haben, in Wirklichkeit hatte ich die beiden Systeme nur verglichen, und es gab nun einmal Gemeinsamkeiten wie die Verfolgung des Judentums, das kann historisch nicht geleugnet werden. Sollte ich vor Gericht mein Recht auf eine gerechte Bewertung einklagen? Nein, ich hatte versagt.

Wie sollte es weitergehen? Eine Gelegenheit hatte ich noch die Prüfung für das Fremdenabitur abzulegen. Aber ich war nun 7 Jahre dabei und 36 Jahre alt, bald doppelt so alt wie normale Abiturienten. Irgendwo hatte ich einfach keine Lust mehr. Wozu brauchte ich diesen Schein überhaupt? Mittlerweile war ich Betriebsleiter geworden, und ich hatte gute Aussichten meinen Betrieb zu vergrößern um ein anständiges Einkommen zu erwirtschaften. Deswegen habe ich den Abbruch meines Studiums erklärt, das letzte Zwischenzeugnis ist nun mein Abgangszeugnis. So habe ich mir wenigstens die Möglichkeit bewahrt, irgendwann noch einmal die Prüfung im Fremdenabitur abzulegen.

Was hat dieser Lehrgang, was haben diese 7 Jahre Plackerei gebracht? Dieser Lehrgang hat mich über 10.000 DM gekostet, keine geringe Summe. Und einen staatlichen Abschluss, eine Berechtigung zum Besuch einer Universität, habe ich auch nicht erreicht. Trotzdem bin ich der Meinung, alles war ein voller Erfolg für mich. Ich habe Krisen überwunden wo ich früher schon längst alles hingeschmissen hätte. Ich habe gelernt, meine Grenzen zu erkennen, zielgerichteter zu arbeiten, nach anderen Möglichkeiten zu suchen an Stellen wo es nicht weiter geht, auf meine Stärken zu vertrauen, meine Schwächen zu erkennen und andere um Rat zu fragen, kurz gesagt ich habe viel an Selbstvertrauen gewonnen. Ich hätte einige Dinge anders machen können, die Feuerwehr eher verlassen, oder in Hamburg eine VHS besuchen wo auch Kurse in Mathematik und Geschichte angeboten werden, und ich bin mir sicher ich hätte den Schein geschafft. Aber wäre ich dadurch glücklicher geworden? Ich denke nicht. Nun sitze ich hier in Kühsen, besitze einen gut laufenden Betrieb, bin finanziell gut abgesichert und kann frohen Mutes in die Zukunft blicken. Natürlich fehlt mir nach wie vor mein privates Glück, eine Partnerin mit der ich glücklich werden kann. Glück im Beruf, Pech in der Liebe, man kann im Leben halt nicht alles haben. Cést ca, la vie.